Gagra

Gagra

Hier sollte einmal ein mondäner Kurort nach dem Vorbild Monte-Carlos entstehen – im abchasischen Gagra an der Schwarzmeerküste. Weltkrieg und Revolution durchkreuzten diese Pläne. Das Städtchen wurde zu einem Urlaubsort für sowjetische Werktätige, bevor es durch den Zerfall des Vielvölkerstaates und kriegerische Konflikte auch damit zu Ende war. Heute wartet das Seebad mit dem ganz besonderen Charme auf seine Renaissance.

Die wichtigsten Fakten

Die Schwarzmeerküste bei Gagra

Die Schwarzmeerküste bei Gagra
(Quelle: Wikimedia Commons / P. Kinareevski)

Gagra liegt gut 30km südöstlich des russischen Schwarzmeerbades Sotschi sowie etwa 80km nordwestlich der abchasischen Hauptstadt Suchumi entfernt. Das Seebad liegt langgezogen an der Küste des Kaukasus und hat etwa 15.000 Einwohner. Gagra gilt als der wärmste Ort in der Region, da es durch seine besondere Lage vor der Witterung geschützt ist. Einzig das Gebirge im Hinterland sorgt für fönartige Fallwinde, die für eine niedrige Luftfeuchtigkeit sorgen. Die mittlere Maximaltemperatur liegt im Sommer bei bis zu 30°C. Die Wassertemperatur ist zu dieser Zeit nicht wesentlich niedriger. Auch die Winter sind verhältnismäßig warm.

Geschichte

Die Festung Gagra auf einem Bild des Malers Nikanor Tschernezow (1805-1879)

Die Festung Abaata auf einem Bild des Malers Nikanor Tschernezow (1805-1879)

In der Antike siedelten in der Gegend des heutigen Gagra, das damals den Namen „Triglit“ trug, sowohl Abchasen als auch Griechen, die zur damaligen Zeit in der gesamten Schwarzmeerregion zu finden waren. Um die Zeitenwende stießen die Römer zur kaukasischen Küste vor und nannten den Ort „Nitica“. Im 4. bis 5. Jahrhundert entstand die Festung Abaata, die die Siedlung vor ausländischen Eindringlingen schützen sollte. Im Mittelalter schließlich kamen Genueser hierher und eröffneten einen Handelsstützpunkt. Zu dieser Zeit, um 1308, taucht erstmals auf einer Landkarte des Italieners Pietro Visconti der Name „Gagra“ auf. Zu Russland kommt der Ort, ebenso wie der Rest Abchasiens, im Jahre 1810. Die Festung Gagra wurde jedoch erst 20 Jahre später von russischen Truppen besetzt.

Kirche Mariä Schutz und Fürbitte

Kirche Mariä Schutz und Fürbitte
(Bild: Dmitri Jakowlew / Wikimedia Commons)

Um die Wende zum 20. Jahrhundert begann der Ausbau als Kurort. Der deutschstämmige Prinz Alexander Petrowitsch von Oldenburg wollte hier eine Art russisches Monte-Carlo errichten, ein über die Grenzen Russlands hinaus bekanntes Seebad, das Gäste aus aller Welt anzieht. Dahinter stand das Interesse des russischen Staates, dem Kapitalabfluss für den sein Adel durch kostspielige Reisen in westliche Bäder und Glücksspielmetropolen sorgte, etwas entgegenzusetzen. Im Zuge dieses Projekts wurde die noch schlecht entwickelte Infrastruktur Gagras ausgebaut: Straßen wurden angelegt, eine Wasser- und Elektrizitätsversorgung eingerichtet. Weit prägender für das Stadtbild waren jedoch die Attribute eines Kurortes, die der Prinz hier errichten ließ. In dieser Zeit entstanden Sanatorien, eine Wasserheilanstalt und ein Küstenpark. Die ersten ausländischen Besucher Gagras waren Deutsche, die 1911 mit einem Kreuzfahrtschiff im Hafen anlegten. Ein Jahr später gab sich auch der letzte russische Zar, Nikolaus II., die Ehre. Die Idee, hier einen mondänen Kurort nach westlichem Vorbild aufzubauen, machten jedoch der Ausbruch des Weltkrieges sowie der darauffolgende Zerfall des Zarenreiches zunichte.

Das Schloss von außen

Das Schloss von außen
(Bild: Dmitri Jakowlew)

Die Geschichte Gagras als Urlaubsort war jedoch keineswegs beendet. Nachdem Abchasien nach den Wirren des Bürgerkrieges schließlich Teil der Sowjetunion geworden war, wurde es nunmehr zu einem Ziel für die urlaubenden „Werktätigen“ des Vielvölkerstaates. Nach dem 2. Weltkrieg kamen Gäste aus den sogenannten sozialistischen Bruderstaaten hinzu. In den 1960er Jahren wurde durch Bohrungen eine Mineralwasserquelle erschlossen, wodurch Gagra auch zu einem Wasserheilbad wurde. Der Zusammenbruch der Sowjetunion bedeutete für den Ort ebenso wie für ganz Abchasien einen besonderen Einschnitt. Denn durch den darauffolgenden Krieg zwischen Abchasen und Georgiern um die Unabhängigkeit Abchasiens sowie den danach unklaren Status des Landes kam der Tourismus fast gänzlich zum Erliegen.

Sehenswürdigkeiten

Festung Abaata

Schloss des Prinzen von Oldenburg: Innenansicht

Schloss des Prinzen von Oldenburg: Innenansicht
Bild: Yaplakal.com

In Alt-Gagra, direkt am westlichen Ortseingang, befindet sich die Festung Abaata (auch als Festung Gagra bezeichnet). Sie entstand im 4. bis 5. Jahrhundert. Wer jedoch genau für den Bau verantwortlich ist, die Römer oder doch eher das damals hier siedelnde Volk der Abasgen, ist umstritten. Die Festung liegt am Eingang zur Schoekwara-Schlucht und sollte von Osten kommenden Eindringlingen den Weg versperren. Die Genueser, die im 14. bis 15. Jahrhundert nach Gagra kamen, errichteten in den Mauern der Festung einen Handelsstützpunkt. Der zur Küste hin gelegene Turm wird daher noch heute als „Genueser-Turm“ bezeichnet. 1830 nahmen russische Truppen die Festung ein und kämpften von hier aus gegen abchasische Kämpfer, die sich der Zugehörigkeit ihrer Heimat zu Russland widersetzten. Im Krimkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts, den England und Frankreich gemeinsam mit den Osmanen gegen das Zarenreich führten, spielte die Festung noch einmal eine militärische Rolle. Später wurde sie dann Teil des Projekts des Prinzen von Oldenburg. Dieser baute in den Festungsmauern ein Hotel für zu erwartende adelige Gäste des geplanten Seebades.

Kirche Mariä Schutz und Fürbitte

Restaurant Gagrypsch

Restaurant Gagrypsch
Bild: Dmitri Jakowlew / Wikimedia Commons

In der Festung steht die Kirche Mariä Schutz und Fürbitte (auch Kirche des Hypatios von Gagra, Kirche von Abaata oder Kirche von Gagra), die nach neuester Auffassung zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert erbaute wurde. Lange hatte man sie auf das 6. Jahrhundert datiert, weshalb sie bisweilen als ältester Kirchenbau Abchasiens bezeichnet wurde. Das Gotteshaus beeindruckt in jedem Fall durch seine schlichte Form – ohne Apsis, geschweige denn Turm. Sie wurde aus nur grob behauenen Kalkblöcken zusammengefügt und besteht aus drei länglichen Hallen. An der Westseite ist ein sogenanntes „Bolnissikreuz“ in einem Kreis, ein in georgischen Kirchen häufiger anzutreffendes Symbol, zu sehen. Aus einem seitlichen Vorbau führt ein unterirdischer Gang zum Meer.

Schloss des Prinzen von Oldenburg

Von der Festung aus gut zu sehen ist das Anwesen des Prinzen von Oldenburg, für dessen Bau ein großer Teil des Geldes, das für den Ausbau des Kurortes gedacht war, ausgegeben worden sein muss. Sein Schlösschen auf einer Anhöhe wurde 1902 im Jugendstil gestaltet. Zu sowjetischer Zeit befand sich hier das Hotel „Tschaika“ (dt. „Möwe“). Bei den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Abchasien und Georgien wurde das Haus 1992-1993 stark beschädigt und war danach lange dem Verfall preisgegeben. Vor einigen Jahren jedoch wurde mit der Restaurierung des Gebäudes begonnen.

Restaurant Gagrypsch

Gastraum des Restaurants Gagripsch

Gastraum des Restaurants Gagrypsch
(Quelle: Wikimedia Commons / EuguenyIr)

Bis sein Palast fertiggestellt war, wohnte der Prinz in einer Übergangsbehausung, dem heutigen Restaurant Gagrypsch. Das eindrucksvolle Gebäude mit der markanten Uhr ist mit der Zeit zum Wahrzeichen Gagras avanciert. Es stammt ursprünglich aus Norwegen. Der Prinz hatte es auf der Weltausstellung in Paris erworben und in Einzelteile zerlegt nach Gagra gebracht. Unter den Gästen des Restaurants waren zahlreiche Berühmtheiten: Zar Nikolaus II., Diktator Iossif Stalin, die Schriftsteller Tschechow, Bunin und Gorki sowie Opernstar Fjodor Schaljapin. Ursprünglich gab es neben dem Restaurant noch ein zweites, gleichartiges Gebäude, das ein Hotel beherbergte. In sowjetischer Zeit war dies eine der exquisitesten Unterkünfte des Ortes.

"Gagarinplatz

Gagarinplatz am Eingang zur Schoekwara-Schlucht
(Quelle: flickr.com / Argenberg)

Schoekwara-Schlucht

An der Festung Abaata beginnt die Schoekwara-Schlucht. Vom Gagarinplatz führt an einem verfallenden Einkaufszentrum vorbei die Straße der russischen Freiwilligen entlang dem Flüsschen Schoekwara in die Berge. Die Straße, die über eine Brücke auf die linke Seite des Wasserlaufs wechselt, säumen überwiegend private Einfamilienhäuser mit Garten. Die Besiedlung des Tals begann zur Zeit des Prinzen von Oldenburg. Hier lebten die einfachen Leute und die Angestellten des Kurbetriebs, hier gab es Läden und Werkstätten.

Nach ein paar Hundert Metern liegt auf der linken Seite das verfallende Gebäude einer Banja (eines öffentlichen Badehauses) aus den 1930er Jahren. Hinter Haus Nummer 66 auf der rechten Seite erblickt der aufmerksame Beobachter ein unscheinbares, aber offensichtlich altes Gemäuer. Es sind die Reste des in den 1830er Jahren errichteten Marlinski-Turms. Über das Gebirge zogen in diesen Jahren häufiger Tscherkessen aus dem Nordkaukasus durch die Schlucht und überfielen die russische Garnison in der Festung Abaata. Um dies zu verhindern, ließ man die Ufer der Schoekwara roden und den Wachturm errichten. Man kann dem Wasser noch eine ganze Weile folgen, jedoch werden die Wege schlechter und bisweilen muss der Fluss durchwatet werden. In der Schlucht befindet sich auch ein Pferdehof der geführte Ausritte anbietet.

Küstenpark

Küstenpark
(Quelle: Wikimedia Commons / ZIUr)

Küstenpark

Der Küstenpark, auch als Park des Prinzen von Oldenburg bekannt, zieht sich auf 14 ha entlang der Uferlinie in Alt-Gagra – von der Festung bis zu den Kolonnaden. Etwa 400 verschiedene Pflanzenarten aus aller Welt wurden bei seiner Anlage im Jahre 1902 hier angesiedelt, darunter Dattelpalmen von den Kanarischen Inseln, Kokospalmen aus Südamerika oder syrische Malven. Auf Höhe des Restaurants Gagrypsch befindet sich ein Teich mit einer Fontäne. Daneben steht die Talstation einer nicht mehr funktionstüchtigen Seilbahn Aus sowjetischer Zeit stammt das „Mosaiklabyrinth“, das von dem georgisch-russischen Bildhauer Surab Zereteli gestaltet wurde.

Kolonnaden

Die Kolonnaden

Die Kolonnaden
(Bild: mikesub / flickr.com)

Als Zentrum Alt-Gagras wird oft der Platz mit den Kolonnaden bezeichnet, die hier in den 1950er Jahren entstanden. In der damaligen Zeit begann nach dem Krieg die zweite Blüte Gagras als Kurort und es wurden im Ort viele Sanatorien und Pensionen gebaut. Den Kolonnaden, die im maurischen Stil gehalten sind, ist kaum anzusehen, dass sie in einer gänzlich anderen Epoche entstanden als die anderen historischen Bauten Alt-Gagras.

 

Berg Mamdsyschcha

Auf dem Gipfel

Auf dem Gipfel
(Bild: Wjatscheslaw Ardenberg)

Wer es mag, sich die Landschaft von oben anzusehen, der sollte auf den Berg Mamdsyschcha klettern. Dessen Gipfel liegt 1876 Meter über dem Meeresspiegel. Eine 34 km lange Straße, die 1904 ebenfalls unter Federführung des Prinzen von Oldenburg angelegt wurde, schlängelt sich den Berg hinauf. Mehrere Aussichtsplattformen auf dem Weg laden zum Verweilen ein. Nicht nur auf Gagra, sondern auch auf die Küste mit den Nachbarorten hat man hier einen atemberaubenden Ausblick. Gut die Hälfte des Jahres ist der Gipfel des Mamdsyschcha schneebedeckt.

Stalin-Datscha

Ein absolutes Highlight in der Gagraer Gegend ist die Stalin-Datscha „am Kalten Bach“ (russ. „Datscha Stalina na Cholodnoi retschke“). Sie liegt in Bagrypsch, etwa 15 km westlich von Gagra. Landhäuser für den „Generalissimus“ wurden in der gesamten Sowjetunion errichtet, insgesamt angeblich fast 80. Viele davon soll er kein einziges Mal besucht haben. Die „Staatsdatscha Nr. 18“ rühmt sich jedoch damit, dass sich der Diktator hier etwa 20 Mal aufgehalten habe. Viele Informationen, die über die Datscha in Umlauf sind, sollte man jedoch mit Vorsicht genießen.

Den Ort für das 1932-33 errichtete Haus soll Stalin selbst ausgewählt haben, als er von einem Schiff aus die Küste betrachtete. Da das Gelände für eine Sprengung zu instabil war, musste der Berghang in mühsamer Handarbeit ausgehöhlt werden, um ein Plateau für den Bauplatz zu schaffen. Man erzählt sich, dass etwa 1.000 Sträflinge hierzu eingesetzt wurden, die nach Abschluss der Arbeiten allesamt ermordet worden seien, da man fürchtete, sie könnten weitererzählen, wo sich die Datscha des Staatsführers befindet. Auch wenn man dem Stalinregime solche Grausamkeit ohne weiteres zutrauen würde, ist diese Geschichte wohl eher ein Mythos.

Dass Stalin an einer ausgeprägten Angst vor Attentaten litt, gilt dagegen als gesichert. An der Anlage sind entsprechende Vorsichtsmaßnahmen erkennbar. So sorgt der grüne Anstrich des Hauses am bewaldeten Berghang für einen Tarneffekt. Einen skurrilen Eindruck macht die Beleuchtung des Gartens vor dem Haus: Die dafür installierten Lampen ragen nur knapp über den Rasen und sehen aus wie eingesunkene Straßenlaternen. Auf diese Weise wollte man verhindern, dass die Lichter vom Meer aus zu sehen sind. Als „unzuverlässig“ angesehene Bürger, die an der Anfahrtsstrecke von Sotschi her lebten, wurden ausgesiedelt.

Besucher können heute Räume im Erd- und im Sockelgeschoss besichtigen, darunter Schlafzimmer, Salon, Speisesaal und Badezimmer, sowie Billardzimmer und Kinosaal.

Das imposante Gebäude des ehemaligen Sanatoriums

Das imposante Gebäude des ehemaligen Sanatoriums „Grusija“
(Quelle: alexdoomer2009)

Weiteres

Wie in ganz Abchasien gibt es auch in Gagra zahlreiche verfallende Gebäude zu entdecken, die den Ruhm vergangener Zeiten erahnen lassen. Hinter den Kolonnaden, auf der anderen Seite der Hauptstraße, liegt z. B. das klassizistische Gebäude des ehemaligen Wintertheaters. Zur Zeit der Sowjetunion befand sich hier ein Kino. Mit den beiden Löwen links und rechts des Eingangs ist es heute nur noch ein beliebtes Fotomotiv für Touristen.

Weiter südöstlich oberhalb der Bahnstrecke liegt das verlassene Gebäude des Sanatoriums „Grusija“ (dt. „Georgien“). Sein verschnörkeltes Äußeres lässt kaum vermuten, dass es erst 1960 für Parteifunktionäre und deren Familien errichtet wurde. Das imposante Hauptgebäude, das gut sichtbar am Gebirge über der Küste thront, wird heute teilweise wieder touristisch genutzt. Reizvoll ist auch der Park des Sanatoriums.

Anreise

Bahnhof von Gagra

Bahnhof von Gagra
(Bild: Igor S.)

Von Moskau aus fährt täglich ein Zug nach Gagra, der allerdings 40 Stunden für die Strecke benötigt. Eine lange Fahrt in einem russischen Zug kann reizvoll aber auch anstrengend sein. Wer auf dieses Abenteuer verzichten möchte, sollte ein Ticket zum nahegelegenen Flughafen Adler/Sotschi buchen. Von dort geht es weiter mit Zug, Bus oder Auto über die Grenze. Da es bei der Abfertigung von Kraftfahrzeugen an der russisch-abchasischen Grenze zu Wartezeiten von mehreren Stunden kommen kann, ist die Einreise per Zug sicher die bequemste. Neuerdings verkehren zwischen Sotschi und Gagra auch Schiffe.

Unterkunft

Entsprechend seinem Status als Kurort mit Tradition gibt es in Gagra eine Vielzahl an Pensionen und Hotels verschiedener Preisklassen.

Hinweis zu Reisen nach Abchasien

Das faktisch von Georgien unabhängige Abchasien wird von den meisten Staaten der Welt weiterhin als Teil Georgiens betrachtet. Somit sind die Botschaften in Tiflis für den konsularischen Schutz ihrer Staatsbürger auf abchasischem Gebiet zuständig, können diesen jedoch aufgrund des umstrittenen Status Abchasiens nicht gewähren. Das Auswärtige Amt rät deshalb dringend von Reisen nach Abchasien ab.

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