Birobidschan

Birobidschan

Birobidschan liegt im Fernen Osten Russlands, etwa 160 km westlich der Großstadt Chabarowsk. Seinen Namen verdankt es zwei Flüssen: der Bira, an der es liegt, und dem Bidschan, etwa 100 km südwestlich der Stadt. Birobidschan ist die Hauptstadt des Jüdischen Autonomen Gebiets, einer Verwaltungseinheit der Russischen Föderation, und hat etwa 75.000 Einwohner. Durch die Stadt verläuft die Strecke der Transsibirischen Eisenbahn. Etwas außerhalb zieht sich die Fernstraße „Amur“, die den Fernen Osten Russlands mit dem europäischen Landesteil verbindet, durch das Sumpfland an den Ufern der Bira.

Geschichte


Birobidschan verdankt seine Existenz der Transsibirischen Eisenbahn. Denn die Regierung in St. Petersburg hatte im Jahr 1912 beschlossen, das Gebiet entlang der Bahnstrecke zu besiedeln – eine strategische Entscheidung zur Befestigung der Region an der Grenze zu China. Zunächst wurde eine Bahnstation mit Namen Tichonkaja eingerichtet, benannt nach einer kleinen, nahegelegenen Ansiedlung. Um den Bahnhof herum entstand sodann die Siedlung „Stanzija Tichonkaja“ (dt. „Bahnhof Tichonkaja“) erhielt. 1928 lebten hier 623 Menschen in gut 200 zerstreut liegenden Häusern.

Ende der 1920er Jahre entstand in Moskau die Idee, ein eigenes Siedlungsgebiet für Juden zu schaffen, ein „sowjetisches Zion“ als Alternative zu Palästina. Anfang der 1930er Jahre schritt man zur Verwirklichung dieser Idee. Um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, wählte man das Gebiet am Amur aus. Denn wie die zaristische Regierung hatten auch die Sowjets ein Interesse an einer weiteren Besiedlung, um die Zugehörigkeit zu ihrem Staatsgebiet zu unterstreichen und es gegen mögliche Angriffe schützen zu können – zumal nachdem es 1929 zu einem kurzen bewaffneten Konflikt mit China gekommen war und 1931 das auf Expansionskurs befindliche Japan die Mandschurei besetzt hatte.

zweisprachiges, russisch-jiddisches Schild am Regierungsgebäude

Am 20. August 1930 entstand zunächst der „Bira-Bidschan-Nationalkreis“ (russ. „Biro-Bidschanski Nazionalny Rajon“), benannt nach den beiden Flüssen, zwischen denen das Gebiet in etwa liegt. Der Hauptort wurde ein Jahr später entsprechend in „Birobidschan“ umbenannt, was erklärt, warum der Bidschan, der doch weit entfernt von der Stadt liegt, Eingang in den Ortsnamen fand. Am 7. Mai 1934 wurde schließlich das Jüdische Autonome Gebiet als Teil der Region Chabarowsk gegründet. Vertretern jüdischer Organisationen war sogar die Bildung einer Jüdischen Republik zugesagt worden, wozu es jedoch nicht kommen sollte. Ein kleiner Teil der Zuwanderer, die daraufhin in Russlands Fernen Osten strömten, kam sogar aus dem Ausland, aus Europa, Amerika oder gar Palästina.

Juden, die in der offiziell atheistischen Sowjetunion in erster Linie als Nationalität verstanden wurden, stellten jedoch stets nur einen Bruchteil der Bevölkerung des Gebiets. 1939 waren es gut 16%. Nach dem Krieg sank ihr Anteil stetig, was zunächst sowohl an einer Abwanderungsbewegung als auch massiver Zuwanderung nichtjüdischer Russen lag. Birobidschan hatte 1939 29.600 Einwohner, als die Sowjetunion zerfiel waren es über 85.000. Der Anteil der jüdischen Bevölkerung in der gesamten Oblast sank im gleichen Zeitraum auf nur noch 4% ab. 2010 waren es gerade noch 0,9% oder in ganzen Zahlen: 1.628.

In Birobidschan wurden in den 1930er Jahren zahlreiche Unternehmen verschiedener Branchen gegründet: Holzverarbeitungsbetriebe, Leicht- und metallverarbeitende Industrie, z. B. die Möbelfabrik „Birobidschan“ oder die Wagenfabrik „Rad der Revolution“ (russ. „Kolesso rewoljuzii“). Das Werk „Dalselmasch“ stellt bis heute Maschinen für die Landwirtschaft her. Wohlhabend war die Region jedoch nie. Bis heute gehört das Jüdische Autonome Gebiet zu den ärmsten Föderationssubjekten Russlands.

City_sign_birobijan_russia

zweisprachiges Ortseingangsschild
(Quelle: Wikimedia Commons / Alexey Lifewatch)

In der neu gegründeten Stadt entstand in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre eine Vielzahl an öffentlichen Gebäuden bzw. Einrichtungen: das Haus der Sowjets, die Pädagogische Hochschule und weitere Bildungseinrichtungen, die Bibliothek, der Kulturpalast, das Jüdische Kaganowitsch-Theater, der Birobidschaner Rundfunk und die Zeitung „Birobidschaner Stern“, die auf Russisch und Jiddisch herausgegeben wird.
Mit der Öffnung und dem letztlichen Zusammenbruch der Sowjetunion verstärkte sich die Auswanderung der jüdischen Bevölkerung insbesondere nach Israel und es begann eine Diskussion über die Zukunft der jüdischen Autonomie im russischen Fernen Osten. Eine Eingliederung in die benachbarte Region Chabarowsk oder das Amur-Gebiet wurde erwogen. In Birobidschan treffen solche Überlegungen naturgemäß auf Widerstand und wurden bislang nicht in die Tat umgesetzt. Womöglich ist es aber nur eine Frage der Zeit.

Sehenswürdigkeiten

Scholem-Alejchem-Denkmal

Scholem-Alejchem-Denkmal

Birobidschans Hauptstraße ist die Scholem-Alejchem-Straße, die sich von Nordwesten nach Südosten, parallel zum Fluss Bira, durch die Stadt zieht. An ihrem Südostende, das zur Fußgängerzone umgestaltet wurde und im Volksmund als „Arbat“ bezeichnet wird, befindet sich ein Denkmal für den Schriftsteller Scholem Alejchem. Geboren 1859 als Salomon Rabinowitsch er unter seinem Künstlernamen zu einem der wichtigsten Vertreter der jiddischen Literatur. Er widmete sich vor allem der Beschreibung jüdischen Lebens in Osteuropa bzw. seiner russischen Heimat, schrieb aber auch über jüdische Emigranten in Amerika. Scholem Alejchem starb 1916 in New York. Sein bekanntestes Werk ist der Roman „Tewje der Milchmann“, der in den 1960er Jahren zum Musical „Anatevka“ verarbeitet wurde.

Eine Ausschreibung für ein Scholem-Alejchem-Denkmal gab es erstmals 1988. In die Realität umgesetzt wurde der Plan jedoch erst 2004. Den Zuschlag bekam der Entwurf des Birobidschaner Künstlers Wladislaw Zap. Die Ausführung übernahm ein chinesischer Bildhauer, die gesamten Kosten zahlte chinesische Stadt Jiamusi. Das Denkmal zeigt den Schriftsteller sitzend. Auf Reliefs am Sockel sind Szenen aus dem Leben der Schtetl, der jüdischen Siedlungen in Osteuropa, dargestellt.

Museum für moderne Kunst

In der Scholem-Alejchem-Str. Nr. 11 befindet sich im 1. Obergeschoss des Städtischen Kulturpalasts das Museum für moderne Kunst. Es wurde 1989 zunächst als Filiale des Chabarowsker Kunstmuseums eröffnet und enthält nicht nur Werke ortsansässiger Künstler, sondern auch solche von Künstlern aus anderen Regionen Russlands. Auch hier spiegelt sich der besondere Status der Stadt wider: zu den beliebtesten Ausstellungen des Museums gehört die Bildersammlung zum Thema „Das Alte Testament in den Augen moderner Künstler“. Eigenständig ist das Museum seit 1996.

Theaterplatz

Philharmonie

Philharmonie

Am Ufer der Bira, am Ende der Oktoberstraße, die quer zur Scholem-Alejchem-Straße verläuft, befindet sich der Theaterplatz, der bei den Einheimischen äußerst beliebt ist. Neben einem Musikbrunnen schmücken mehrere Skulpturen den Platz. Eine zeigt einen Geiger, ein bekanntes Motiv aus Scholem Alejchems Tewje-Erzählungen. Des Weiteren gibt es eine Skulpturengruppe, die Apollo mit den Musen zeigt. Im Süden wird der Platz vom wuchtigen Gebäude der Philharmonie begrenzt. Das 1984 eröffnete Haus beherbergt einen Konzertsaal mit 700 Plätzen.
Kultur- und Erholungspark

Etwas weiter hinter der Philharmonie schließt sich der Kultur- und Erholungspark an. Typisch für Russland, wo sich das Fahrradfahren im öffentlichen Straßenraum – zumal in der Provinz – noch nicht etabliert hat, nutzen die Stadtbewohner den Park für einen Ausritt auf dem Drahtesel. Wer mag kann aber auch auf einem echten Pferd durch den Park traben. Als weitere Attraktionen werden ein Schießstand und Lasertag-Kriegsspiele angepriesen. Am anderen Ende des Parks liegt der städtische Badestrand an einem toten Arm der Bira.

Bahnhofsplatz

Menora-Brunnen

Am anderen Ende der Oktoberstraße liegt der Hauptbahnhof bzw. der Bahnhof „Birobidschan-1“. Als erstes Steingebäude der Stadt gilt er als Architekturdenkmal. In der Mitte des Bahnhofsvorplatzes befindet sich der Menora-Brunnen. Inmitten der Fontänen steht der siebenarmige Leuchter, eines der wichtigsten Symbole des Judentums, auf einer Säule. Links neben dem Brunnen erinnert ein Denkmal an die ersten jüdischen Siedler, die in den 1930er Jahren hier ankamen. Es zeigt einen Pferdewagen mit einem Ehepaar, dessen Gesichter Trauer und Sorge über die Zukunft zeigen sollen.

Heimatmuseum

Wer sich für die spannende Geschichte des Jüdischen Autonomen Gebiets interessiert, sollte unbedingt das Heimatmuseum (russ. „Krajewedtscheski musei Jewreiskoi awtonomnoi oblasti“) in der Leninstraße 25 besuchen. Hier erfährt man z. B. etwas über den staatlichen Antisemitismus in der Sowjetunion. Da dieser der marxistischen Ideologie widersprach, wurde er als Kampf gegen den „Kosmopolitismus“ verschleiert. Höhepunkt der antisemitischen Kampagnen war die angebliche Aufdeckung einer „Ärzteverschwörung“. Angesehenen Ärzten der Sowjetunion, fast ausnahmslos Juden, wurde Anfang der 1950er Jahre vorgeworfen, die Auslöschung der Staatsführung geplant zu haben. Hunderte Menschen wurden festgenommen und zu Haftstrafen oder zum Tode verurteilt. Im Zuge der antisemitischen Kampagne wurden alle jüdischen Organisationen des Landes, auch im Jüdischen Autonomen Gebiet, aufgelöst. Der staatliche Antisemitismus verstärkte die Auswanderungsbestrebungen der Juden auch in Birobidschan.

Platz der Freundschaft

Platz der Freundschaft

Geht man vom Heimatkundemuseum weiter in nordwestlicher Richtung, so schließt sich links ein Park zwischen Leninstraße und Scholem-Alejchem-Straße an. Dieser Platz der Freundschaft wird im Norden vom Gebäude der Stadtverwaltung begrenzt, in seiner Mitte steht ein charakteristisches Denkmal: eine Weltkugel, die von zwei aus dem Boden ragenden Händen gehalten wird. Es symbolisiert die Freundschaft zwischen Russland und dem benachbarten China. Das Denkmal ist ein Geschenk der chinesischen Partnerstadt Hegang.

Neue Synagoge

Neue Synagoge (rechts) und Gemeindezentrum Frejd (links)

Zum 70-jährigen Bestehen des Jüdischen Autonomen Gebiets wurde 2004 in der Leninstraße Nr. 14 eine neue Synagoge errichtet. In Reiseführern ist zu lesen, es handele sich um den „maurischen Baustil“, wovon allerdings wenig zu sehen ist. An der Leninstraße vor dem Gebäude steht das Denkmal „Jüdischer Musikant mit Schofar“. Der Schofar ist ein traditionelles jüdisches Blasinstrument, das aus einem hohlen Tierhorn besteht. Links neben der Synagoge steht das Gemeindezentrum „Frejd“, das u. a. eine Bibliothek und ein Museum des Judentums beherbergt.

Alte Synagoge

Wer Birobidschan besucht, sollte unbedingt auch einmal an der alten Synagoge vorbeispazieren. Sie befindet sich in der Majakowskistr. 7, im Südosten der Stadt. Das unscheinbare Holzhaus unterscheidet sich von einem typischen russischen Dorfhaus nur durch seinen hellblauen Anstrich und die Davidsterne an der Außenwand. Erstaunlich, dass diese unscheinbare Hütte am Stadtrand die Synagoge der Hauptstadt des Jüdischen Autonomen Gebiets gewesen sein soll – oder eben auch nicht erstaunlich, wenn man sich die Umstände vor Augen hält. Schließlich war die Sowjetunion ein offiziell atheistischer Staat, zeitweise mit klaren antisemitischen Tendenzen.

Anreise

Von der Großstadt Chabarowsk aus, wo auch der nächste Verkehrsflughafen liegt, erreicht man Birobidschan mit dem Zug in gut 2 Stunden, der Bus braucht für die knapp 190 km 2 ¾ Stunden. Die Anreise von Moskau aus über die Transsib dauert mindestens 5 Tage und 9 Stunden. Seitdem 2004 die Fernstraße „Amur“ für den Verkehr freigegeben wurde, ist die Anreise per Auto auch von Westen aus möglich. Von Moskau aus sind es 8.200 Straßenkilometer.

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