Juschno-Sachalinsk

Juschno-Sachalinsk

Die größte Stadt der Insel Sachalin ist zugleich Hauptstadt des gleichnamigen Verwaltungsgebiets, zu dem auch die Inselkette der Kurilen gehört. Die gut 190.000 Einwohner große Stadt liegt am Südende der Insel im Tal des Flusses Sussuja. Ihre einstige Zugehörigkeit zu Japan zeigt sich hier und da noch im Bild der am Reißbrett geplanten Stadt.

Geschichte

Da eine freiwillige Besiedlung der Insel Sachalin, die Russland mit dem Vertrag von Sankt Petersburg 1875 offiziell in Besitz genommen hatte, nicht zu gelingen schien, schickte das Zarenreich Sträflinge hierher. 1881 erging an die lokale Verwaltung in Korsakow die Weisung, an der Hauptstraße, die die Insel von Norden nach Süden durchquert, einen geeigneten Platz für Ansiedlung jener zu finden, die ihre Strafarbeit abgeleistet haben. Der Ort sollte etwa 15 bis 30 km nördlich der Hafenstadt Korsakow liegen und für den Ackerbau geeignet sein. 1882 entstand so die Siedlung Wladimirowka. 1885 lebten hier gerade einmal 57 Personen, zehn Jahre später 130.

Wladimirowka in den 1880ern

Wladimirowka in den 1880ern

Im Februar 1904 begann durch einen japanischen Angriff auf das russische Pachtgebiet Port Arthur am Gelben Meer der Russisch-Japanische Krieg um die Vorherrschaft in der Region. Als letzte Operation der Japaner vor Ende des Kriegs im Herbst 1905 erfolgte die Besetzung der Insel Sachalin. Die so geschaffenen Tatsachen wurden mit der Aufteilung der Insel im Vertrag von Portsmouth festgeschrieben. Die Südhälfte war fortan offiziell Territorium des Japanischen Kaiserreichs.

Straßenszene in Toyohara

Straßenszene in Toyohara

Die Japaner verlegten den Verwaltungssitz der neugewonnenen Präfektur „Karafuto“ schon 1907 von Korsakow (jap. Ōtomari) in die Nähe des Dorfs Wladimirowka. Hier sollte eine ganz neue Stadt im Schachbrettmuster entstehen: Toyohara. Juschno-Sachalinsk verdankt also seinen Aufstieg zur Hauptstadt der Insel praktisch den Japanern, die auch im Stadtbild markante Spuren hinterlassen haben. So wurde der Ort an das neue Eisenbahnnetz der Insel angebunden. Etwa 150 Gebäude aus der japanischen Zeit sollen heute noch erhalten sein.

Der Zweite Weltkrieg brachte schließlich die Stadt und die Insel wieder unter russische Herrschaft. So ließ sich Stalin als Gegenleistung für den Eintritt der Roten Armee in den Krieg gegen Japan die Zusage geben, dass die Sowjetunion nach einem Sieg Sachalin und die Kurilen zugesprochen bekäme.

Nach der Kapitulation Japans wurde die Insel zunächst von Chabarowsk aus verwaltet. Schon 1947 entstand aber das noch heute bestehende Gebiet Sachalin. Verwaltungszentrum wurde die Stadt, für die die sowjetischen Behörden nicht etwa den alten Namen „Wladimirowka“, sondern den recht prosaischen Namen „Juschno-Sachalinsk“ (deutsch etwa „Südsachalin-Stadt“) vorsahen.

Sehenswürdigkeiten

Leninplatz

Denkmal für die Erdbebenopfer von Neftegorsk

Denkmal für die Erdbebenopfer von Neftegorsk
(Quelle: Wikimedia Commons / Sahalinets)

Wer mit dem Zug ankommt, landet am Leninplatz mit dem einst für alle sowjetischen Städte obligatorischen Denkmal des Revolutionsführers an dessen Ostseite. Auf der gegenüberliegenden Seite, in Richtung Bahnhof, fällt ein seltsames Gebilde ins Auge, das an einen großen Vogel mit zum Start ausgebreiteten Schwingen erinnert. Es ist das Denkmal für den Ort Neftegorsk im Norden Sachalins, der in der Nacht des 28. Mai 1995 durch ein Erdbeben vollständig zerstört wurde. Bei dem Beben der Stärke 7,6 starben 2.040 Menschen, also fast zwei Drittel der Einwohner. Neftegorsk wurde nicht wieder aufgebaut.

Heimatkundemuseum

Heimatkundemuseum des Gebiets Sachalin

Heimatkundemuseum des Gebiets Sachalin
(Quelle: Wikimedia Commons / Sakhalinio)

Das markanteste Gebäude der Stadt ist das Heimatmuseum des Gebiets Sachalin, das erkennbar aus der japanischen Zeit stammt. Das Haus entstand 1937 im sogenannten „Kaiserkronenstil“ (jap. „Teikanyōshiki“), dem japanischen Pendant zum Neoklassizismus, der in der westlichen Welt die Phase des Modernismus ablöste. Typisch für den Stil sind die symmetrischen Formen und insbesondere pagodenartige Dächer. Wenige Jahre zuvor war bereits in Alexandrowsk-Sachalinski, der Hauptstadt des sowjetischen Nordteils der Insel, ein Heimatmuseum eröffnet worden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden beide Museen in Juschno-Sachalinsk vereinigt.

Das Museum ist ein typisches Heimatkundemuseum mit Exponaten zu Flora und Fauna sowie der Geschichte der Region. Besondere Themen sind etwa die Kulturen der Urbevölkerung oder Sachalin als Sträflingsinsel. Ein Teil der Ausstellung befindet sich im Museumsgarten. Hier sind z. B. russische und japanische Waffen ausgestellt, darunter ein japanischer Panzer, regionale Pflanzen sowie traditionelle Behausungen der Niwchen und Ainu.

Website

Museum zur Geschichte der Sachalinbahn

Japanische Dampflok D51 am Bahnhof von Juschno-Sachalinsk

Japanische Dampflok D51 am Bahnhof von Juschno-Sachalinsk

Schräg gegenüber dem Hauptbahnhof von Juschno-Sachalinsk befindet sich das 2005 eröffnete Museum zur Geschichte der Sachalinbahn. Die Eisenbahn auf der Insel ist eine Besonderheit im russischen Eisenbahnnetz. Sie ist nicht nur räumlich vom restlichen Netz getrennt. Weil sie von den Japanern gebaut wurde, weicht auch die Spurweite von der des sonstigen russischen Bahnnetzes ab, was wiederum mit sich bringt, dass sich auch die Schienenfahrzeuge von denen auf dem russischen Festland unterscheiden. Zu den interessanten Aspekten der Eisenbahngeschichte auf Sachalin gehören auch die nie verwirklichten Pläne, die Insel durch einen Eisenbahntunnel mit dem Festland zu verbinden. Das Highlight des Museums sind die Lokomotiven, Waggons und Schneefräsen auf dem Hof, die teilweise aus japanischer Produktion stammen.

Website

Buchmuseum „Die Insel Sachalin“

Bild aus Tschechows Reisebericht: Einem Sträfling werden Ketten angelegt

Bild aus Tschechows Reisebericht von der Insel Sachalin: Einem Sträfling werden Ketten angelegt

Dieses Museum widmet sich ganz und gar einem einzigen Buch des russischen Schriftstellers Anton Tschechow. 1890 hielt sich Tschechow drei Monate auf der damaligen Sträflingsinsel auf und verfasste den Reisebericht „Die Insel Sachalin“. Schon die Anreise war damals ein großes Abenteuer. Weil die Transsibirische Eisenbahn noch nicht existierte, musste der Autor Tausende Kilometer mit Pferdefuhrwerken und Flussschiffen zurücklegen. Zurück nach Moskau reiste er gar über Indien. Tschechows Bericht über die Zustände auf der Insel sorgte für einiges Aufsehen auf dem Festland. So etwa seine Erzählungen darüber, wie Männer und Frauen hier meist in wilder Ehe zusammenleben oder die Verbreitung der Prostitution. Die Regierung schickte nach der Veröffentlichung sogar einen Sondergesandten auf die Insel, der überprüfen sollte, ob Tschechows Berichte der Wahrheit entsprachen. Das Museum bietet nicht nur Interessantes über die Reise des schriftstellers, sondern auch über Sachalins Vergangenheit als Sträflingsinsel.

Website

Gagarinpark

Oberteich im Kultur- und Erholungspark

Oberteich im Kultur- und Erholungspark „Juri Gagarin“, im Hintergrund die Pioniereisenbahn

Die größte Parkanlage der Inselhauptstadt ist der „Kultur- und Erholungspark Juri Gagarin“ am östlichen Stadtrand. Der schon in der japanischen Zeit angelegte Park geht fließend in den Wald des Sussunaiski-Gebirges über. Er beherbergt das Kosmos-Stadion und weitere Sportanlagen, einen Tanzplatz, verschiedene Fahrgeschäfte und Schießbuden sowie einen Bootsverleih.

Vom Haupteingang bis zum Oberteich zieht sich eine Allee, die von Kirschbäumen und Azaleen gesäumt ist und vor einigen Jahren von einem japanischen Geschäftsmann gestiftet wurde. Ein Denkmal für den namensgebenden Kosmonauten Juri Gagarin darf natürlich nicht fehlen. Ebensowenig kann der Park einer russischen Gebietshauptstadt ohne Pioniereisenbahn auskommen. Diese verläuft im hinteren Parkteil im Kreis und teilweise über den Damm, der bereits von den Japanern angelegt wurde, um den Oberteich aufzustauen. Die beiden Stationen heißen „Komsomolskaja“ und „Pionerskaja“.

Website

Auferstehungskathedrale

Auferstehungskathedrale

Auferstehungskathedrale
(Quelle: Wikimedia Commons / Sahalinets)

Am Südwestrand des Gagarinparks steht die Auferstehungskathedrale, ein für das postsowjetische Russland typischer Kirchenneubau im sogenannten „neorussischen“ Stil. Das Haus stammt aus dem Jahr 1995, wurde aber schon 2001 umfassend renoviert und erweitert. Im Altar werden Gebeine des Heiligen Nikolaus von Japan aufbewahrt, eines 1836 geborenen russischen Geistlichen, der sein Leben damit verbrachte, in Japan eine orthodoxe Kirche aufzubauen. Bis zu seinem Tod im Jahr 1912 war er erster Erzbischof von Tokio. Die Gebeine waren ein Geschenk der Japanisch-Orthodoxen Kirche.

Sport-Tourismus-Komplex „Bergluft“

Skigebiet

Skigebiet „Bergluft“ von der Stadt aus gesehen
(Quelle: Wikimedia Commons / Fenerli 1978)

Etwas südlich des Gagarinparks startet in einer Datschenkolonie eine Seilbahn, die Besucher über die Kleingärten hinweg auf den 601 Meter hohen Berg „Bolschewik“ bringt. Dort gibt es Gelegenheiten zur Einkehr und man hat einen herrlichen Blick über Juschno-Sachalinsk. Der schachbrettartige Aufbau der geplanten Stadt lässt sich von hier gut erkennen. Hinter dem Spartak-Stadion im Vordergrund durchschneidet der breite Siegesprospekt ausgehend von einem Kreisverkehr die Stadt in westlicher Richtung. Auf der anderen Seite des breiten Tals sieht man die Gipfel des Westsachalin-Gebirges.

Vor allem im Winter herrscht auf dem Bolschewik und an der Mittelstation „Bergluft“ (russ. „Gorny wosduch“) reges Treiben. Skipisten verschiedener Schwierigkeitsgrade führen zurück zur Talstation und in der anderen Richtung hinunter ins Tal der Jelanka, von wo ein Schlepplift die Skifahrer wieder zurück auf den Berg transportiert. Die Sowjetunion nutzte dieses Wintersportzentrum im Vorfeld der Olympischen Winterspiele 1972 als Trainingsbasis. Schließlich war die geographische Lage ideal, der Austragungsort Sapporo auf der japanischen Nordinsel Hokkaido ist nur einen Katzensprung entfernt.

Website

Pik Tschechow

Blick vom Pik Tschechow auf den Pazifik und den Tunaitschasee

Atemberaubend: Blick vom Pik Tschechow auf den Pazifik (links) und den Tunaitschasee (rechts)
(Quelle: flickr.com / Tatters)


Wer es vorzieht, aus eigener Kraft einen Berg zu erklimmen, der fährt nicht mit der Seilbahn auf den Bolschewik, sondern klettert auf den Pik Tschechow. Mit 1.046 m ist der auch um einiges höher. Vom Gagarinpark aus folgt man dazu etwa 6 km der Detskaja uliza stadtauswärts, bis nach einem markanten Straßenknick links ein Fußweg abzweigt. Bis zum Gipfel sind es dann noch einmal etwa 4 km. Im Gegensatz zum Sport-Tourismus-Komplext „Bergluft“ gibt es hier keine ausgebaute touristische Infrastruktur.

Kunstmuseum des Gebiets Sachalin

Kunstmuseum des Gebiets Sachalin

Kunstmuseum des Gebiets Sachalin
(Quelle: Wikimedia Commons / Blacklake)

Das Kunstmuseum ist schon (oder eher?) wegen seines Gebäudes interessant, das eines der wenigen verbliebenen repräsentativen Gebäude aus japanischer Zeit ist. Der wuchtige graue Bau entstand in den 1930er Jahren als Repräsentanz der japanischen Hokkaido Takushoku Bank, die erst 1997 durch Bankrott vom Markt verschwand. In den Besitz des Museums kam das Haus nach einer umfassenden Renovierung in den 1980er Jahren.

Der Saal im Erdgeschoss beherbergt wechselnde Ausstellungen. Im Obergeschoss befinden sich die Dauerausstellungen zu den Themen „Christliche Kunst“, „Russische Kunst von Ende des 19. bis Anfang des 20. Jahrhunderts“ sowie „Kunst Koreas“. Die Ausstellung zu koreanischer Kunst verdankt ihre Existenz der koreanischen Minderheit auf Sachalin, die zu großem Teil auf Zwangsumsiedlungen während der japanischen Zeit zurückzuführen ist. Es besteht eine Kooperation mit einem Museum in Pjöngjang. Der konservative Kunstbegriff des nordkoreanischen Regimes spiegelt sich in den Ausstellungsstücken wieder.

Website

Alte Bahnstrecke nach Cholmsk

Die Bahnstrecke bei Kilometer 16 vor der Station Nowoderewenskaja

Die Bahnstrecke bei Kilometer 16 vor der Station Nowoderewenskaja
(Quelle: Wikimedia Commons / RA-96013)

Hatte zu Zeiten der Sowjetunion noch ein beständiger Ausbau des von den Japanern angelegten Bahnnetzes der Insel stattgefunden, so setzte mit dem Ende des realsozialistischen Regimes eine entgegengesetzte Entwicklung ein. Immer mehr Streckenabschnitte werden seitdem aufgegeben. Schon 1994 traf es die Strecke von der Inselhauptstadt in die wichtige Hafenstadt Cholmsk, von der aus eine Fähre die Insel mit dem russischen Festland verbindet. Heute wird die 1928 eröffnete Strecke noch bis zur Station Nowoderewenskaja befahren, dahinter ist dann Schluss. Züge nach Cholmsk gelangen heute nur noch über einen Hunderte Kilometer weiten Umweg ans Ziel. Die stillgelegte direkte Bahnstrecke schlängelt sich mit zahlreichen Brücken und Tunneln durch das Westsachalin-Gebirge. Die aufregende Szenerie der langsam verrottenden Verkehrsbauten zieht heute vor allem abenteuerlustige Besucher der Insel an, die sich ab der Station Nowoderewenskaja zu Fuß auf den Weg machen.

Schlammvulkan

Schlammvulkan

Schlammvulkan
(Quelle: Wikimedia Commons / Wladimir Jelistratow)

Ganz in der Nähe befindet sich auch der Schlammvulkan von Juschno-Sachalinsk, zu dem vom Ort Kljutschi aus ein Weg führt. Eine graue unbewachsene Fläche lässt schon von weitem erahnen, dass der Boden hier in Bewegung ist. An verschiedenen Stellen blubbert es, wo Gas austritt, oft zusammen mit Wasser oder gar Öl. Ein paar Kilometer weiter nutzt ein Sanatorium die geologischen Gegebenheiten zu medizinischen Zwecken.

Anreise

Im südlich des Zentrums gelegenen Stadtteil Chomutowo befindet sich der Flughafen von Juschno-Sachalinsk. Er wird von Flughäfen auf Sachalin, den benachbarten Kurilen, von der russischen Pazifikküste, Moskau, Japan, Südkorea und China aus angeflogen. Von Moskau aus fliegt man knapp 9 Stunden, von Tokio und Seoul 2-3 Stunden. Ansonsten ist die Insel Sachalin auch mit dem Schiff erreichbar.

Von Wanino aus, das über die Bahnstrecke der Baikal-Amur-Magistrale mit dem europäischen Teil Russlands verbunden ist, gibt es eine tägliche Schiffsverbindung nach Cholmsk. Die Überfahrt dauert etwa 14 Stunden. Korsakow an Sachalins Südküste wird vom japanischen Hafen Wakkanai aus angesteuert.

Print Friendly

Flattr this!