Uljanowsk

Uljanowsk

Als Geburtsstadt Lenins nahm Uljanowsk in der Sowjetunion eine besondere Stellung ein, deren dauerhafte städtebauliche Manifestation mit der großzügigen Umgestaltung im Vorfeld des Jubiläumsjahrs 1970 erfolgte. So gilt Uljanowsk Architekturinteressierten heute als Mekka des sowjetischen Modernismus. Diese steinerne Vereinnahmung durch die einstige Staatsideologie steht in krassem Gegensatz zur bourgeoisen Vergangenheit der Stadt, die einst als Simbirsk ein wichtiges und wohlhabendes Handelszentrum war.

Geschichte

Die Stadt wurde im Jahr 1648 auf Befehl des Zaren Alexei I. von Heerführer Bogdan Chitrowo als Festung Sinbirsk gegründet, um Russland vor den Angriffen von Reiternomaden zu schützen und das Wolgagebiet zu erschließen. So wurde in Frühjahr und Sommer des Gründungsjahres ein nahezu quadratischer, hölzerner Kreml auf der höchsten Erhebung des Gebiets errichtet. Im Zentrum stand die Dreifaltigkeitskathedrale. Vor den Toren der Befestigungsanlage bildeten sich Freisiedlungen (russ. Sloboda).

In den Jahren 1670 und 71 wurde die Stadt erfolglos von den Aufständischen um Stenka Rasin belagert. Für ihre Standhaftigkeit wurde der Stadt 1672 ihr erstes Wappen verliehen. Durch eine Verwaltungsreform unter Katharina der Großen erhob man die Stadt, nunmehr als Simbirsk, zur Gouvernementshauptstadt.

Denkmal für Stadtgründer Bogdan Chitrowo

Denkmal für Stadtgründer Bogdan Chitrowo
(Quelle: Wikimedia Commons / Boris Sokolow)

Die günstig gelegene Stadt entwickelte sich im 19. Jahrhundert zu einem wichtigen und wohlhabenden Handelszentrum. Man nannte sie in der Wolgaregion auch die „adelige Stadt“. Im August 1864 wütete ein Feuer 9 Tage lang in der Stadt. Nur ein Viertel der Gebäude überstand die Katastrophe. Unter den zerstörten Häusern waren die Karamsin-Bibliothek, das Dreifaltigkeitskloster und 12 Kirchen.

Darstellung der Stadt Sinbirsk aus dem 18. Jahrhundert

Darstellung der Stadt „Sinbirsk“ aus dem 18. Jahrhundert

1898 wurde Simbirsk an das russische Eisenbahnnetz angeschlossen. Seit 1916 gibt es eine Eisenbahnbrücke über die Wolga. Am 21. Juli 1918 wurde die Stadt im Russischen Bürgerkrieg von „weißen“ russisch-tschechischen Truppen eingenommen, aber bereits im September von der Roten Armee zurückerobert.

In den 1920er und -30er Jahren fielen fast alle Kirchen der Stadt, darunter die Dreifaltigkeits- und die Nikolauskathedrale, einer Kampagne gegen Sakralbauten zum Opfer, die in dieser Zeit über die gesamte Sowjetunion hinwegrollte. Seit dem 9. Mai 1924 trägt die Stadt zu Ehren Lenins, der hier als Wladimir Iljitsch Uljanow geboren wurde, den Namen Uljanowsk. Der Gründer der Sowjetunion war im Januar des Jahres nach mehreren Schlaganfällen gestorben. 1928 verlor Uljanowsk im Rahmen einer Verwaltungsreform vorübergehend den Status einer Gebietshauptstadt. Bis zur Neugründung des Gebiets Uljanowsk im Jahr 1943 wurde sie von Samara aus verwaltet.

Darstellung der Stadt Simbirsk aus dem 19. Jahrhundert

Darstellung der Stadt „Simbirsk“ aus dem 19. Jahrhundert

Im Zweiten Weltkrieg wurden einige Unternehmen und Einrichtungen des Landes vor der von Westen heranrückenden Front nach Uljanowsk evakuiert. So z. B. auch das Patriarchat der Russisch-Orthodoxen Kirche. Aus der Evakuierung des Moskauer Autowerks SIL entstand 1941 das Uljanowsker Autowerk UAS, das für seine Kleinbusse und Geländewagen bekannt ist.

Im Vorfeld des 100. Geburtstags von Wladimir Iljitsch Lenin entstanden zahlreiche neue Gebäude, die das Stadtbild bis heute prägen. Neben der Lenin-Gedenkstätte sind dies u. a. das Gebäude der Pädagogischen Universität, der Bahnhof und das Hotel Wenez. Der groß angelegten Umgestaltung vielen im Gegenzug zahlreiche historische Bauwerke zum Opfer.

Einfahrt in die Stadt

Einfahrt in die Stadt
(Quelle: Wikimedia Commons / Prosvetcult)

Ein trauriger Tag in der Stadtgeschichte war der 5. Juni 1983. Am Abend dieses Tages kam es vor Uljanowsk zu einem verheerenden Schiffsunglück. Das Kreuzfahrtschiff Alexander Suworow verfehlte auf dem Weg von Rostow am Don nach Moskau die Durchfahrt der Eisenbahnbrücke. In voller Fahrt fuhr die Alexander Suworow unter die an dieser Stelle viel zu niedrige Brücke. Das gesamte obere Deck wurde abgetragen. Fatalerweise waren die hier befindlichen Gesellschaftsräume wie jeden Abend gut gefüllt. Waggons eines zum Zeitpunkt der Kollision die Brücke überquerenden Güterzugs entgleisten und Teile der Ladung stürzten auf das Schiff. Mindestens 176 Menschen kamen bei dem Unglück ums Leben.

Sehenswürdigkeiten

Rund um den „Platz des 100. Jahrestag der Geburt Lenins“

Karl-Marx-Denkmal

Karl-Marx-Denkmal
(Quelle: flickr.com / Ganamex)

Wer als Tourist nach Uljanowsk kommt, der kommt meist auch wegen des Gedenkkomplexes im Herzen der Stadt, der sich als etwa 900 mal 400 Meter großes Rechteck zwischen Sowjetskaja-Straße und Wolgaufer erstreckt. Dieses neue Stadtzentrum besteht aus imposanten Neubauten des „sowjetischen Modernismus“, Parkanlagen, Denkmälern und einigen älteren Gebäuden.

Lenin-Gedenkstätte

Fixpunkt dieses neugestalteten Stadtgebiets ist die an seinem Nordende gelegene Lenin-Gedenkstätte. Schon direkt nach dem Tod Lenins im Jahr 1924 gab es Vorschläge, in seiner Geburtsstadt zu seinen Ehren einen „Palast“ zu errichten, der neben einem Museum auch eine Bibliothek und Veranstaltungssäle enthalten sollte. Die Umsetzung ließ jedoch auf sich warten. 1940 wurde dann ein Denkmal eingeweiht. Der folgende Krieg und die Mühen des Wiederaufbaus danach machten dem weiterhin bestehenden Plan einer großen Gedenkstätte jedoch zunächst den Garaus.

Lenin-Gedenkstätte

Lenin-Gedenkstätte
(Quelle: Wikimedia Commons / Vadimgimov)

Als sich Lenins 100. Geburtstag näherte, kam das Projekt wieder auf die Tagesordnung. Dabei sollte Lenins Geburtshaus eingebunden werden. Es stellte sich das Problem, dass man nicht genau wusste, in welches dies war. Die Familie Uljanow war in der Stadt mehrfach umgezogen. Also wurden umfangreiche Nachforschungen angestellt mit dem Ergebnis, dass ein hölzernes Nebengebäude eines Hauses in der Strelezkaja-Straße gewesen sein musste.

Skulptur

Skulptur „Maria Uljanowa mit Sohn Wolodja“
(Quelle: Wikimedia Commons / Insider)

Die Gestaltung der Gedenkstätte wurde den Architekten Mesenzew, Konstantinow, Issakowitsch und Schulrichter überlassen. Sie entschieden sich, das Haus und das Nebengebäude mit einem flachen, quadratischen Betonbau zu umschließen, der an die Villa Savoye von Le Corbusier und Pierre Jeanneret erinnert. Stellenweise ist das Erdgeschoss als „Luftgeschoss“ gestaltet, es besteht dort aus freiem Raum mit Säulen, die das zweite Geschoss tragen. So ist der Blick von außen auf den historischen Innenhof frei. Über eine frei zugängliche Treppe gelangt man auf eine Aussichtsterrasse, die einen herrlichen Ausblick auf die Wolga bietet. Die Fassade ist aus rechteckigen weißen Marmorplatten zusammengesetzt.

Die Gedenkstätte besteht aus vier einzelnen Museen. Die eigentliche Gedenkstätte in dem modernen, 1970 eröffneten Gebäude umfasst im Südteil auf drei Etagen das Leninmuseum, das sich vorher seit seiner Gründung 1941 in der Tolstoistraße befand. Auf fast 4.000 qm Ausstellungsfläche wird das Leben Lenins mit etwa 4.000 Exponaten ausführlich behandelt. Im 1. Obergeschoss sind zwei Dioramen zu sehen, die jeweils Wohnorte der Familie Uljanow in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigen. Der Hauptausstellungssaal befindet sich im 2. Obergeschoss. Im Zentrum steht eine Leninskulptur aus weißem Uralmarmor vor einem Wandbild aus Goldmosaik, Marmor und Kobaltglas.

Lenins Geburtshaus

Lenin-Geburtshaus

Lenin-Geburtshaus
(Quelle: Wikimedia Commons / Insider)

Im Innenhof befinden sich zwei historische Gebäude, ein Haus aus Stein mit einem hölzernen Nebengebäude. Letzteres beherbergt das Museum mit dem umständlichen Namen „Haus, in dem W. I. Uljanow (Lenin) geboren wurde“. Die Familie Uljanow war hier im Jahr 1869 eingezogen, nachdem der Vater Ilja Nikolajewitsch Uljanow aus Nischni Nowgorod als Schulinspektor nach Simbirsk versetzt worden war. Die Familie lebte hier nur etwa ein Jahr. Am 10. April (bzw. 22. April neuen Stils) des Jahres 1870 kam hier Wladimir Uljanow, der sich später Lenin nannte, zur Welt.

Die Ausstellung macht die Besucher mit dem Leben und der häuslichen Einrichtung des Simbirsker Bildungsbürgertums in den 1870er Jahren bekannt sowie mit der Tätigkeit des Pädagogen Ilja Uljanow. Es sind Originalgegenstände aus dem Besitz der Familie zu sehen.

Wohnung der Familie Uljanow

Wohnhaus der Uljanows

Wohnhaus der Uljanows
(Quelle: Wikimedia Commons / Vadimgimov)

Neben dem modernen Gebäude befindet sich ein weiteres historisches Gebäude als Teil des Gedenkstättenkomplexes. In diesem Haus lebte die Familie Uljanow in den Jahren 1871 bis 1875. Lenin verbrachte hier die frühen Jahre seiner Kindheit. Eine dokumentarische Ausstellung im Erdgeschoss ist dem Leben der Familie in Simbirsk und der Tätigkeit Ilja Uljanows gewidmet. Im zweiten Stock kann die Wohnung der Uljanows besichtigt werden, die mit Originalgegenständen aus ihrem Besitz ausgestattet ist.

Sehenswert ist auch die unweit des Hauses aufgestellte Skulptur „Maria Alexandrowna Uljanowna mit Sohn Wolodja“ (Lenin als Kind mit seiner Mutter). Das Werk im Stil des sozialistischen Realismus aus dunkler Bronze auf einem Granitsockel wurde 1970 aufgestellt.

Vorplatz der Lenin-Gedenkstätte

Bassin

Bassin „Meeresboden“
(Quelle: flickr.com / Ganamex)

Auf dem südlichen Vorplatz der Lenin-Gedenkstätte befindet sich das Bassin „Meeresboden“, dessen Mosaikboden von dem bekannten georgisch-russischen Bildhauer Surab Zereteli gestaltet wurde. Der Musikspringbrunnen daneben wurde erst vor wenigen Jahren eingerichtet. Am Südostende des Platzes steht das Bogdan-Chitrowo-Denkmal, das den Stadtgründer zu Pferde zeigt. Neben ihm steht ein Mann, der die Stadtbewohner repräsentieren soll und eine Fahne mit einer Christusdarstellung trägt. Letzteres Detail ist untrügliches Zeichen dafür, dass das Denkmal ebenfalls neueren Datums ist. Es wurde 2008 enthüllt.

Hotel Wenez

Das Hotel

Das „Wenez“
(Quelle: Ultourism73)

Das Hotel Wenez gegenüber der Lenin-Gedenkstätte an der Spasskaja-Straße wurde von Leningrader Architekten gestaltet. Es besteht aus einem 4-stöckigen Riegel entlang der Straße, in dem sich neben Zimmern auch Restaurants, Cafés und Geschäfte befinden, sowie aus einem 24-stöckigen Turm, der neben Zimmern auch ein Panoramarestaurant mit offener Terrasse beherbergt. In der Stadtansicht stellt das Hochhaus eine Landmarke dar, die auf die Lage des Gedenkkomplexes hinweist.

Staatliches Pädagogisches Institut

Pädagogisches Institut

Pädagogisches Institut
(Quelle: Wikimedia Commons / Dobrozhelatel1999)

Die Fassade des 4-stöckigen Gebäudes am Boulevard Nowy Wenez steht mit ihrer markanten Struktur im Kontrast zur glatten Fassade der Lenin-Gedenkstätte. Innen erstreckt sich über vier Stockwerke ein Atrium mit Wandbild. Der begrünte Innenhof ist durch ein Luftgeschoss zur Straße hin geöffnet. Davor steht eine Büste von Lenins Vater Ilja Uljanow, der zunächst Lehrer war und dann in die Schulverwaltung des Gouvernements Simbirsk aufstieg. In der sowjetischen Geschichtsschreibung wurde er Teil des Mythos Lenin. So hieß es, die Zahl der Schulen im Gouvernement sei unter seiner Ägide stark angestiegen und er habe besonders fortschrittliche Lehrer ausgebildet. Bis zur politischen Wende trug die Hochschule Ilja Uljanows Namen.

Wandbild im Pädagogischen Institut

Wandbild im Pädagogischen Institut
(Quelle: Wikimedia Commons / Dobrozhelatel1999)

Weitere Gebäude im Stil des sowjetischen Modernismus, die im Zuge der städtebaulichen Umgestaltung rund um den 100. Geburtstag Lenins entstanden, reihen sich an der Spasskaja-Straße (ehemalige Sowjetische Straße) aneinander: die moderne Südfassade des Ende des 19. Jahrhunderts erbauten Hauses der Offiziere (Spasskaja ul. 17), der Gouverneurs-Kulturpalast (ehemaliger Kulturpalast der Gewerkschaften, Spasskaja ul. 13), das Hotel Sowjetskaja, ein recht schlichter Kasten mit einer Fassade aus sich abwechselnden Glas- und Betonstreifen (Spasskaja ul. 8) und das Gymnasium Nr. 1 (Spasskaja ul. 15). Auf dem Innenhof dieser ehemaligen „Wladimir-Iljitsch-Lenin-Schule Nr. 1“ steht eine Büste des ehemaligen Namensgebers „Wolodja“ Uljanow.

Museum „Simbirsker klassisches Gymnasium“

Klassenraum im Museum

Klassenraum
(Quelle: Wikimedia Commons / Ultourism73)

Auch dieses Museum war Teil des sowjetischen Kults um Staatsgründer Lenin, der hier einst – zeitweise gemeinsam mit seinem älteren Bruder Alexander – die Schulbank drückte. Heute stehen der Schulalltag und das Bildungswesen im Russland des späten 19. Jahrhunderts im Vordergrund der Ausstellung. Zu sehen sind u. a. authentische Klassenräume, ein Physikraum, die Aula und zeitgenössische Lehrmaterialien. Das Schulgebäude aus dem Jahr 1790 steht unter Denkmalschutz. Der Ziegelanbau, in dem sich das Museum befindet, wurde 1883 errichtet.

Karamsin-Denkmal

Karamsin-Denkmal

Karamsin-Denkmal
(Quelle: Wikimedia Commons / Oblam)

Im Jahr 1766 wurde in einem Dorf etwa 60 km südwestlich von Simbirsk der Schriftsteller und Historiker Nikolai Karamsin geboren, dessen Werke Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts außerordentlich erfolgreich waren. Er gilt als Begründer des Sentimentalismus in der russischen Literatur. Darüber hinaus betätigte er sich als Sprachreformer, indem er die russische Sprache durch Lehnübersetzungen meist französischer Begriffe bereicherte. Karamsin starb 1826 in Sankt Petersburg

Zu Ehren Karamsins wurde 1845 in Simbirsk nach Plänen des baltendeutschen Bildhauers Samuel Halberg ein Denkmal errichtet. Es steht in der Karamsinanlage (Karamsinski skwer) am Ende der Schlossstraße (Dworzowaja ul.). Die Statue auf dem Postament des klassizistischen Denkmals zeigt Klio, die Muse der Heldendichtung und Geschichtsschreibung. In einer Aushöhlung an der Frontseite des Postaments ist Karamsins Büste zu sehen. Ein Relief an der linken Seite des Postaments zeigt Zar Alexander I. bei der Lektüre von Karamsins „Geschichte des russischen Staates“, das an der rechten Seite zeigt Karamsin im Kreise seiner Familie, als ihn die erfreuliche Nachricht über die Zuteilung einer kaiserlichen Pension erreicht.

Minajewstraße

Auch die südlich des Stadtzentrums gelegene Minajewstraße wurde zum Jubiläumsjahr 1970 umgestaltet, weil sie als Zufahrtsstraße zum Gedenkkomplex diente. Die zuvor enge Straße wurde massiv verbreitert, fast alle Holzhäuser verschwanden. An ihrer Südseite entstand die Lenin-Kinderbibliothek (heute Aksakow-Bibliothek), ein fast quadratischer Glaskasten mit einem imposanten Relief über dem Eingang. Daneben wurde der Schüler- und Pionierpalast errichtet. Am Zugang zum Gebäude steht an der Straße eine große Plastik. Sie zeigt einen Jungen und ein Mädchen, die mit einem Band verbunden sind.

Platz des 30. Jahrestags des Sieges mit Kuibyschewer Stausee im Hintergrund

Platz des 30. Jahrestags des Sieges mit Kuibyschewer Stausee im Hintergrund
(Quelle: flickr.com / Ganamex)

Entlang dem Gehweg vor den beiden Gebäuden erstreckt sich die erst 2015 entstandene „Allee der Pionierhelden“. Mit 16 Medaillons mit Reliefbüsten werden hier junge Menschen geehrt, die im Zweiten Weltkrieg – oft als Partisanen – im Kampf gegen die Deutschen ums Leben kamen. Daran anschließend liegt östlich des Pionierpalasts der „Platz des 30. Jahrestages des Sieges“ mit der obligatorischen Ewigen Flamme zum Gedenken der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten. Darüber hinaus ist ein Teil des Areals den Opfern des Afghanistankriegs gewidmet. Vom hinteren Ende des Gedenkplatzes bietet sich ein Panoramablick auf die Wolga.

Platz des 30. Jahrestags des Sieges

Platz des 30. Jahrestags des Sieges
(Quelle: flickr.com / Ganamex)

Konspirative Wohnung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei

Orlow-Haus mit der

Orlow-Haus mit der „Konspirativen Wohnung der Simbirsker Gruppe der SDAPR“

Die Simbirsker Gruppe der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR), einer Vorgängerorganisation der späteren Bolschewiki, betrieb im Haus des Kaufmanns Orlow, dessen Sohn Sozialdemokrat war, von 1904 bis 1906 eine konspirative Wohnung. Schon beim Bau des Hauses wurde dieser Zweck berücksichtigt, indem an allen möglichen Stellen Verstecke für Flugblätter, illegale Literatur oder auch Waffen eingebaut wurden. Hier fanden geheime Parteisitzungen statt und auf einem Hektografen, einem frühen Kopiergerät, wurden Flugblätter gedruckt. Nach dem Tod des verschuldeten Orlow wurde das Haus noch vor den revolutionären Ereignissen in Russland verkauft und umgebaut. Es befand sich bis 1960 in privater Nutzung. Später musste es dem Pionierpalast weichen, wurde aber nach den Bauplänen von 1904 wiederaufgebaut und als Museum eingerichtet.

Wolgaufer

Das Westufer der Wolga, die hier Teil des Kuibyschewer Stausees ist, ist bei Uljanowsk bis zu 350 Meter hoch. Im gesamten Stadtgebiet trennen Parks und Grünanlagen die Stadt vom Wasser. Aussichtspunkte bieten einen herrlichen Blick auf den längsten Fluss Europas.

Blick auf die Wolga bzw. den Kuibyschewer Stausee mit der neuen

Blick auf die Wolga bzw. den Kuibyschewer Stausee mit der neuen „Präsidentenbrücke“
(Quelle: Wikimedia Commons / Razumhak)

Vom Kunstmuseum des Gebiets Uljanowsk aus führt eine knapp 400 Meter lange Treppe hinunter zur Uferstraße, die gelegentlich für Treppenlaufwettbewerbe genutzt wird. Unweit ihres unteren Endes befindet sich die Talstation eines Sessellifts, der für die Überwindung des Höhenunterschieds ebenso genutzt werden kann. Er endet in der Nähe der Lenin-Gedenkstätte.

Der verwilderte

Der verwilderte „Park der Völkerfreundschaft“
(Quelle: Wikimedia Commons / Ramil Jakupow)

Am Hang unterhalb der Gedenkstätte bilden Blumenanpflanzungen das weithin sichtbare Wort „LENIN“. Hier beginnt der „Park der Völkerfreundschaft“. Er war ein „Geschenk der sowjetischen Republiken an Lenins Heimatstadt“ und wurde im Zuge der umfangreichen Umgestaltungen im Stadtbild anlässlich des 100. Geburtstags Lenins angelegt. Im Park präsentierten sich einst die Völker der Sowjetrepubliken mit Beeten und Skulpturen. In den 1990er Jahren verwahrloste der Park zusehends. Derzeit wird an einer Neugestaltung des Parks gearbeitet.

Gontscharow-Museum

Der nach Lenin wohl bekannteste Sohn der Stadt ist der Schriftsteller Iwan Gontscharow, der 1812 in der Familie eines adeligen Simbirsker Getreidehändlers geboren wurde. Nach einem Studium in Moskau lebte er bis zu seinem Tod 1891 in Sankt Petersburg, wo er als Übersetzer und später als Beamter tätig war. Zu Weltruhm kam Gontscharow 1859 mit seinem Roman „Oblomow“, seine anderen Werke blieben weitgehend unbekannt.

Gontscharow-Geburtshaus und -Museum

Gontscharow-Geburtshaus und -Museum
(Wikimedia Commons / Claire Simon-Gontcharova)

„Oblomow“ handelt von dem Adeligen Ilja Oblomow, der – materiell abgesichert – dem Müßiggang frönt und den Tag im Bett und auf dem Divan verbringt. Er sinnt über Pläne nach, um den Verfall des väterlichen Landguts aufzuhalten, verschiebt deren Umsetzung aber von einem Tag auf den nächsten. Als charakterliches Gegenstück tritt sein aktiver deutscher Freund Stolz auf, der vergeblich versucht seinen Freund aus der Lethargie zu reißen, an der dieser letztlich zugrunde geht. Die Frage, was Gontscharow seinen Lesern mit dieser Geschichte sagen wollte, wird viel diskutiert. Eine landläufige Interpretation ist, dass der Autor eine der russischen Mentalität eigene Trägheit kritisiert, die jeden Fortschritt behindert. Der Wortschatz der russischen Sprache verdankt dem Roman das Wort „Oblomowschtschina“ (dt. etwa „Oblomowerei“) als Bezeichnung für eine bestimmte Art der Lethargie.

Das Gontscharow-Museum wurde 2012 im Geburtshaus des Schriftstellers an der Ecke Leninstraße/Gontscharowstraße eingerichtet. Die Ausstellung enthält zahlreiche authentische Exponate aus dem Leben der Familie Gontscharow sowie zum Leben des Autors in Moskau und Sankt Petersburg.

Leninhaus

Lenin-Haus in der Leninstraße

Lenin-Haus in der Leninstraße
(Quelle: Wikimedia Commons / Oblam)

Ein weiteres Museum, das die Lebensumstände der Uljanows zeigt, wird von den Einheimischen kurz „Leninhaus“ genannt und befindet sich in der Leninstraße (ul. Lenina) Nr. 70, etwa 1,5 km in südwestlicher Richtung vom Gedenkkomplex entfernt und ist von diesem aus ohne Umsteigen mit der Straßenbahn zu erreichen.

Die Uljanows kauften das Haus im August 1878 und lebten hier bis 1887. Zwei schwere Schicksalsschläge trafen die Familie hier: Am 12. Januar 1886 verstarb unerwartet Vater Ilja Uljanow im Alter von 55 Jahren. Ein Jahr später, im Mai 1887, wurde der älteste Sohn Alexander Uljanow wegen Beteiligung an einem versuchten Anschlag auf den Zaren zum Tode verurteilt und gehängt. Wladimir Uljanow besuchte in diesen Jahren das Gymnasium. Im Juni 1887 verkauften die Uljanows das Haus und verließen Simbirsk.

Jugendstilmuseum im Baron-von-Bradke-Haus

Jugendstilmuseum im Baron-von-Bradke-Haus
(Quelle: Wikimedia Commons / Oblam)

Schon vor Lenins Tod, im Jahr 1923, wurde hier ein „Lenin-Revolutionsmuseum“ eröffnet, weshalb es sich heute stolz als ältestes Leninmuseum der Welt bezeichnet. In den Jahren 1928 und 29 erfolgte eine Umgestaltung, im Zuge derer der ursprüngliche Zustand der Wohnräume unter Mitwirkung u. a. der Lenin-Geschwister Anna, Dmitri und Maria wiederhergestellt wurde.

Jugendstilmuseum und Liwtschak-Museum

Das Uljanowsker Jugendstilmuseum hat eine standesgemäße Unterkunft gefunden: Der örtliche Gendarmeriechef Michail von Bradke ließ seine Villa Anfang des 20. Jahrhunderts im Jugendstil umbauen. Der mit der Umsetzung betraute bekannte Simbirsker Architekt August Schode krönte das Gebäude mit einer bienenkorbähnlichen Kuppel, die ein absoluter Blickfang ist. Die Ausstellung des Museums widmet sich neben dem Werk Schodes zwei weiteren Simbirsker Jugendstilarchitekten: Fjodor Liwtschak und Feofan Wolssow. Auch Einrichtungsgegenstände, Porzellan und Grafiken dieser Stilepoche werden gezeigt.

Liwtschak-Haus

Liwtschak-Haus
(Quelle: Wikimedia Commons / Ltsprima)

Wer das Jugendstilmuseum besucht, sollte auch das etwa 150 Meter davon entfernte Liwtschak-Museum in der Architekt-Liwtschak-Straße besuchen. Es lohnt allein schon die bemerkenswerte Architektur des Gebäudes.

Simbirsker Verhaulinie

Das expandierende Zarentum sicherte seine Grenzen einst mit einer sogenannten „Verhaulinie“ gegen Eindringlinge. Ende des 17. Jahrhunderts entstand eine solche Befestigungsanlage als Schutz vor benachbarten Nomadenvölkern auch bei Simbirsk. Reste dieser Anlage wurden im Jahr 2000 bei Grabungen entdeckt. In den Folgejahren wurden ein Teil des Erdwalls und ein Wachturm rekonstruiert. Seit 2007 befindet ist hier eine Ausstellung über die russische Armee im 17. Jahrhundert sowie über die russische Holzfestungsarchitektur und den Bau von Verteidigungsanlagen eingerichtet. Auf dem Gelände befindet sich außerdem eine Mühlenausstellung.

Tupolew ANT-4

Tupolew ANT-4
(Quelle: Wikimedia Commons / Dmitri Awdejew)

Museum der zivilen Luftfahrt

Ein absolutes Highlight der Stadt Uljanowsk ist das Museum der zivilen Luftfahrt direkt am Flughafen. Es gehört zur örtlichen Hochschule für zivile Luftfahrt und ist mit etwa 9.000 Exponaten das größte Luftfahrtmuseum Russlands. Auf etwa 18 ha Freifläche sind Flugzeuge und Hubschrauber aus sowjetischer bzw. russischer Produktion zu sehen von den Anfängen zur Zeit des Russischen Bürgerkriegs bis heute.

Unter den Ausstellungsstücken sind eine ANT-4, das erste Ganzmetall-Militärflugzeug der Sowjetunion von 1925, eine Tupolew 104, das erste sowjetische Düsenflugzeug von 1955, eine ANT-4 (1925), das erste Ganzmetall-Militärflugzeug der Sowjetunion sowie eine Tupolew 116. Als zivile Variante des Bombers Tupolew 95 wurde dieses Flugzeug 1957 speziell für die oberste politische Führung der Sowjetunion, damals unter Nikita Chruschtschow, hergestellt.

Überschallpassagierjet Tu-144

Überschallpassagierjet Tu-144
(Quelle: Wikimedia Commons / Vlad Volkov)

Die ebenfalls ausgestellte Tupolew 144 ist – unschwer zu erkennen – das sowjetische Pendant der legendären Concorde. Die großen Pläne, die die Sowjetunion mit diesem Überschallpassagierflugzeug verfolgte, erfüllten sich letztlich nicht. Das ausgestellte Exemplar flog 1977 und 1978, also nur zwei Jahre, im Linienbetrieb zwischen Moskau und der kasachischen Hauptstadt Alma-Ata. Die Konstruktion erwies sich jedoch als unausgereift und unrentabel. Nach einem Riss der Treibstoffleitung bei einem Testflug und der dadurch erforderlichen Notlandung, bei der zwei Personen ums Leben kamen, wurde der Flugbetrieb eingestellt.

Kirchen

Auferstehungskirche auf dem Friedhof

Auferstehungskirche auf dem Friedhof
(Quelle: Wikimedia Commons / Swetlana Koslowa)

Die wichtigsten Kirchen der Stadt Simbirsk standen früher am Hochufer der Wolga und ihre Kuppeln waren so weithin sichtbar. Am heutigen Leninplatz, dem ehemaligen Kathedralenplatz, gab es gleich zwei große Kirchen: die Dreifaltigkeitskathedrale und die Nikolauskathedrale. Insgesamt existierten im Stadtgebiet vor der Revolution an die 30 aktiv genutzte Kirchen, zwei Klöster und ein Priesterseminar – 1940 war nur noch die kleine Auferstehungskirche – eine Friedhofskapelle – übrig. Sie wurde 1911 unter Leitung des Architekten Fjodor Liwtschak im russisch-byzantinischen Stil errichtet. Nur vier weitere Kirchenbauten überlebten den real existierenden Sozialismus mit schweren Schäden.

Nikolaus- und Dreifaltigkeitskathedrale

In den 1930er Jahren abgerissene Nikolaus- und Dreifaltigkeitskathedrale

St. German-Auferstehungskirche

St. German-Auferstehungskirche

St. German-Auferstehungskirche
(Quelle: Wikimedia Commons / Irina Feduro)

Die dem heiligen German von Kasan geweihte Kirche stammt aus den 1720er Jahren. Lange Zeit war das Gebäude halb zerstört. Der Glockenturm, das Markenzeichen des Gebäudes, wurde in den 1930er Jahren abgetragen und an seiner Stelle stand seit 1966 ein vierstöckiger Anbau aus grauen Silikatziegeln. Die Räume wurden durch das Staatsarchiv des Gebiets Uljanowsk genutzt. 2003 wurde das Haus dem örtlichen Bistum zurückgegeben, jedoch vergingen noch einige Jahre bis das Archiv ausgelagert wurde und Restaurierungsarbeiten in Angriff genommen werden konnten. Seit Juni 2012 hat das Gotteshaus nun sein ursprüngliches Aussehen zurück.

Kirche der heiligen Gottesmutter des brennenden Dornbuschs

Das turmlose kleine blaue Gotteshaus mit dem komplizierten Namen war ursprünglich die Dorfkirche von Kulikowka, das mit der Zeit zu einem Stadtteil Uljanowsks wurde. Sie wurde 1912 geweiht. Eigens für die Kirche gab man bei den Mönchen auf dem heiligen Berg Athos in Griechenland die Ikone der heiligen Gottesmutter des brennenden Dornbuschs in Auftrag. Sie kam am 15. August 1911 in Simbirsk an und wurde am Bahnhof von Geistlichen, dem Gouverneur und mehreren Tausend Gläubigen begrüßt.

Kirche der heiligen Gottesmutter des brennenden Dornbuschs

Kirche der heiligen Gottesmutter des brennenden Dornbuschs
(Quelle: Wikimedia Commons / Nick19 FG)

Der ursprüngliche Plan, eine geräumigere Kirche aus Stein zu bauen, die das eigentlich nur als Provisorium gedachte hölzerne Haus ersetzen sollte, wurde durch die Oktoberrevolution durchkreuzt. Nach der Verhaftung der Geistlichen wurde die Kirche 1937 geschlossen und sollte zum Kino umfunktioniert werden, wozu es jedoch nicht kam. Schon 1941 wurde sie wiedereröffnet, jedoch unter kuriosen Vorzeichen: Sie diente nun als Bischofssitz der sogenannten „Erneuerungskirche“, einer vom sowjetischen Geheimdienst geförderten Abspaltung von der russisch-orthodoxen Kirche. Ihr Oberhaupt Alexander Wwedenski, der vor der heranrückenden Front nach Uljanowsk evakuiert wurde, ernannte sich hier selbst zum Patriarchen der „Orthodoxen Kirche der UdSSR“. Nach Wwedenskis Rückkehr nach Moskau ging die Kirche 1944 zurück an die russisch-orthodoxe Kirche.

Christi-Himmelfahrts-Kathedrale

Christi-Himmelfahrts-Kathedrale
(Quelle: Wikimedia Commons / Oblam)

Christi-Himmelfahrts-Kathedrale

Die blau-weiße Christi-Himmelfahrts-Kathedrale mit ihren goldenen Kuppeln macht den Eindruck eines historischen Bauwerks. Sie wurde jedoch erst in den 1990er Jahren errichtet. Als Vorbild diente ein gleichnamiges Gotteshaus, das früher auf dem Gontscharowplatz, gegenüber dem Gontscharow-Museum gestanden hatte. Anlass für den Neubau war die Einrichtung eines selbständigen Uljanowsker Bistums, das nun eine Kathedrale benötigte. Das Bauvorhaben stieß jedoch auf Schwierigkeiten. In den Krisenjahren der 1990er war das Geld in Russland knapp und so entschloss man sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: Auf dem Baugelände wurde 1996 die kleine hölzerne Allerheiligenkirche geweiht. Mit den Einnahmen aus dem Betrieb dieses kleinen Gotteshauses sollte der Bau des großen finanziert werden, der erst im Jahr 2014 fertiggestellt wurde.

Anreise

Bahnhof Uljanowsk-1

Am alten Hauptbahnhof Uljanowsk-1
(Quelle: Wikimedia Commons / Ssr)

Aus Moskau bestehen täglich mehrere Zug- und Flugverbindungen nach Uljanowsk. Mit dem Flugzeug braucht man etwa 1½ Stunden, mit dem Zug 14 bis 16 Stunden (z. B. Abreise mit dem Schlafwagenzug am Kasaner Bahnhof in Moskau um 19 Uhr, Ankunft in Uljanowsk am nächsten Morgen gegen 10 Uhr). Der Zentralbahnhof liegt gut 6 km südwestlich des Stadtzentrums und ist mit der Straßenbahn zu erreichen. Der Uljanowsker „Internationale“ Verkehrsflughafen Baratejewka befindet sich etwa 10 km westlich des Stadtzentrums und wird zur Zeit ausschließlich von Moskau und St. Petersburg aus angeflogen.

Quellennachweis Beitragsbild: Wikimedia Commons / Razumhak

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